Der Ölpreis kehrt auf 100 Dollar zurück und schürt Inflationsängste – Händler setzen vermehrt auf Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank und der Bank of England
Mit den anhaltend steigenden internationalen Energiepreisen und der wachsenden Sorge um eine hohe Inflation im kommenden Jahr setzen Händler verstärkt darauf, dass die Europäische Zentralbank und die Bank of England ihre Zinssätze weiter anheben werden.
Wie von Smart Finance APP berichtet, steigen die internationalen Energiepreise weiterhin stark an und verstärken die Sorge, dass die Inflation im kommenden Jahr auf hohem Niveau bleibt. Händler erhöhen daher ihre Wetten auf weitere Zinserhöhungen durch die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of England (BOE). Der Zinsswap-Markt erwartet derzeit, dass beide Zentralbanken bis Ende 2027 insgesamt etwa 90 Basispunkte erhöhen könnten. Einige Investoren und Wall-Street-Institutionen glauben jedoch, dass der Markt das Ausmaß der zukünftigen Zinserhöhungen bereits überbewertet hat.
Die neuesten Swap-Preise zeigen, dass der Markt derzeit erwartet, dass die EZB bis Dezember 2027 insgesamt etwa 90 Basispunkte erhöhen wird – das ist das höchste Niveau in diesem restriktiven Zyklus. Dies bedeutet, dass die EZB in diesem Zeitraum voraussichtlich mindestens drei Zinserhöhungen um jeweils 25 Basispunkte vornehmen wird, wobei der Markt auch eine Wahrscheinlichkeit von etwa 60 % für eine vierte Erhöhung einpreist.
Auch die Zinserwartungen für die Bank of England sind deutlich gestiegen. Der Swap-Markt erwartet, dass die BOE in Zukunft ebenfalls rund 90 Basispunkte erhöhen wird. Falls diese Erwartungen eintreten, würde der britische Leitzins auf das höchste Niveau seit Februar 2025 steigen.
Der wichtigste Auslöser für die rasche Hinwendung des Marktes zum Hawkish-Modus sind die stark gestiegenen Energiepreise.
Europa und Großbritannien sind stark abhängig von Ölimporten, insbesondere von Erdgasimporten, was ihre Wirtschaft gegenüber Länder wie den USA, die Energie produzieren, empfindlicher für steigende internationale Energiepreise macht. Da der Iran-Krieg das Risiko im Energiemarkt erhöht, hat der internationale Ölpreis erneut die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel überschritten. Investoren befürchten, dass eine neue Energie-Schockwelle die Inflation durch Transport-, Strom-, Produktionskosten und Verbraucherpreise weiter antreiben könnte.
Lauren van Biljon, Senior Portfolio Manager bei Allspring Global Investments, erklärte, dass der Ölpreis wieder die Marke von 100 US-Dollar erreicht hat und dass die Wirtschaft und Inflation in Großbritannien und Europa weiterhin stark von den Energiepreisen beeinflusst werden.
Neben dem Energiekostenschock hat die Wirtschaft der Eurozone sich insgesamt widerstandsfähiger gezeigt als zuvor erwartet, was zum erheblichen Anstieg der Zinserwartungen für die EZB beigetragen hat. Wenn die Wirtschaft höhere Zinssätze verkraften kann, erweitert das den Handlungsspielraum der EZB zur Bekämpfung der Inflation.
Der Markt erwartet derzeit, dass die EZB auf der am Donnerstag stattfindenden Sitzung zur Geldpolitik die Zinsen anheben wird. Joachim Nagel, Mitglied des EZB-Governing Board, hat bereits Signale für eine Zinserhöhung in dieser Woche gegeben, bleibt jedoch hinsichtlich des weiteren geldpolitischen Wegs vorsichtig.
Die drastisch gestiegenen Zinserwartungen wirken sich auch schnell auf den europäischen Anleihenmarkt aus. Am Mittwoch stiegen die Renditen von kurzfristigen europäischen Staatsanleihen deutlich an, wobei die besonders geldpolitisch sensiblen deutschen Zwei-Jahres-Anleihen mit 3,08 % den höchsten Stand seit Juni 2024 erreichten.
Da der Markt zu wetten beginnt, dass die EZB und die BOE in Zukunft mehrere Zinserhöhungen durchführen könnten, halten einige Investoren die aktuelle Bepreisung für zu aggressiv.
Obwohl die EZB-Offiziellen sich offen für eine weitere Straffung der Geldpolitik zeigen, bleiben sie hinsichtlich wiederholter Zinserhöhungen vorsichtig. Nagel hat zwar eine Zinserhöhung am Donnerstag angedeutet, aber keine klare Zusage für eine fortlaufende Straffung gegeben.
Bei der Bank of England hat Gouverneur Andrew Bailey ebenfalls versucht, die Erwartungen an eine erneute Zinserhöhung zu dämpfen.
Emma Moriarty, Portfolio Manager bei CG Asset Management, meint, angesichts der derzeitigen Schwäche der britischen Wirtschaft sei es unwahrscheinlich, dass die Inflationsschocks so schwerwiegend wären, dass die BOE vier Zinserhöhungen durchführen muss, um sie zu kontrollieren.
Van Biljon ist ebenfalls der Ansicht, dass die rasch steigenden Zinserwartungen für die BOE „nicht vernünftig erscheinen“. Marktexpertin Evelyne Gomez-Liechti erklärte, dass Investoren derzeit möglicherweise „zu viele Zinserhöhungen“ bei der EZB und der BOE einpreisen.
Strategen bei der Bank of America empfehlen Investoren zudem, gegenüber den derzeit eingepreisten hawkishen Erwartungen am kurzen Ende des EZB-Zinsmarkts vorsichtig zu sein. Die Bank meint, dass es bislang keine ausreichenden Belege gibt, dass der Anstieg der Energiepreise zu einem breiteren und anhaltenderen Inflationsdruck geführt hat und dass künftig zunehmende wirtschaftliche Gegenwinde im Euroraum das Zinserhöhungspotenzial der EZB begrenzen werden.
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