Ich interessiere mich mehr für eine andere langfristige Variable: die Produktionsrevolution des Tesla Cybercab.
Starke Verluste beim Dow, steigende Ölpreise und wachsende Zinserwartungen – das sind die unmittelbarsten Belastungsfaktoren für den Markt auf kurze Sicht. Sobald die Zinsen steigen, kommen bewertungs-sensitive Anlagen naturgemäß unter Druck. In solch einem Umfeld sind es aber gerade die Unternehmen, deren Kostenstruktur sie nachhaltig optimieren können, die langfristig besonders interessant bleiben.
Cybercab ist nicht nur relevant, weil es ein autonomes Taxi ist, sondern wegen der zugrunde liegenden Fertigungstechnologie.
Die traditionelle Automobilproduktion folgt nach wie vor einem linearen Ablauf: Stanzen, Schweißen, Lackieren, Endmontage – die Karosserie wandert Schritt für Schritt über das Band.
Die von Tesla vorgestellte Unboxed-Fertigungsidee hingegen zergliedert das Fahrzeug in mehrere große Module: Vorderteil, Heck, Bodenplatte, Batterie, Sitze und Seitenwände der Karosserie können parallel montiert und am Ende zusammengefügt werden.
Die Bedeutung dieses Ansatzes liegt darin, dass er die Produktionslogik der Automobilbranche, die seit über hundert Jahren bestand hat, auf den Kopf stellt.
Musk erklärte, dass das Produktionssystem von Cybercab das Ziel hat, mehr als fünfmal schneller zu sein als die herkömmliche Automobilfertigung. Ob diese Zahl am Ende wirklich dauerhaft erreicht wird, bleibt abhängig von der Hochlaufphase der Serienproduktion, aber die Richtung ist eindeutig: Tesla will nicht am bestehenden Fließband kleine Anpassungen vornehmen, sondern den Gesamtprozess von Grund auf neu denken.
Wenn sich diese Produktionstechnologie in der Breite durchsetzt, beeinflusst sie nicht nur Teslas Bruttomargen pro Auto.
Das größte Problem in der US-Industrie sind aktuell die hohen Kosten für Arbeit, Bau und Lieferkette. Die Rückkehr der Produktion in die USA gelingt nicht durch Parolen, sondern nur durch Effizienz, die die Kostenbelastung ausgleichen kann.
Wer mit weniger Personal, verkürzten Durchlaufzeiten und vereinfachten Prozessschritten mehr Produkte herstellen kann, hat im internationalen Produktionswettbewerb einen echten Vorteil.
Cybercab bietet zudem noch größere Perspektiven: Das Ziel ist nicht, ein günstigeres Privatfahrzeug zu bauen, sondern die Stückkosten für autonomes Fahren massiv zu senken.
Musk hatte zuvor als Ziel langfristiger Betriebskosten rund 0,20 Dollar pro Meile ins Gespräch gebracht. Diese Vorgabe ist heute noch nicht erreicht; nähert man sich diesem Wert aber zukünftig an, würde das die Kosten im Transportwesen völlig neu definieren.
Die US-Aktien-Investmentplattform mahnt, Cybercab nicht nur als kurzfristige Kurs-Story zu betrachten.
Im Kern geht es für Tesla um die grundlegende Frage: Können amerikanische Unternehmen im Umfeld hoher Zinsen und hoher Arbeits- wie Produktionskosten mit technischer Innovation die Effizienzvorteile zurückgewinnen?
Natürlich bestehen auch beträchtliche Risiken.
Cybercab wird in der Anfangsphase nicht sofort hohe Stückzahlen liefern, und auch Musk räumt ein, dass der Produktionshochlauf sehr langsam verlaufen wird. Regulierung des autonomen Fahrens, Sicherheitszertifizierung, Produktionsqualität in Serie, tatsächliche Betriebskosten – jeder dieser Schritte kann das Tempo ausbremsen.
Langfristig zählt jedoch nicht die Anzahl der Auslieferungen an einem bestimmten Tag, sondern ob dieses Produktionssystem in der Praxis funktioniert.
Kurzfristig wird der Markt von Ölpreisen, Zinsen und der US-Notenbank gelenkt.
Am Ende wird das Kapital aber diejenigen Unternehmen belohnen, die ihre Kostenkurve tatsächlich senken können.
Cybercab ist deshalb spannend: Es handelt sich nicht um ein weiteres neues Auto im traditionellen Autobereich, sondern um den Versuch, mit neuen Produktionsmethoden das Wesen des Automobilbaus selbst neu zu definieren.
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