Der koreanische Aktienmarkt ist tatsächlich der „billigste der Geschichte“!
Der südkoreanische Aktienmarkt glänzt dieses Jahr mit global führenden Kursanstiegen und erreicht gleichzeitig das niedrigste Bewertungsniveau seiner Geschichte – dieses seltene Paradoxon stellt Investoren vor ein Dilemma.
Der Korea Composite Stock Price Index (Kospi) hat seit Jahresbeginn über 70% zugelegt und wiederholt neue historische Höchststände erzielt, doch Analysten haben die Gewinnerwartungen für Unternehmen noch schneller angehoben. Die Gewinne von Samsung Electronics und SK Hynix sind explodiert, wodurch das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) des Kospi auf 6,4 gedrückt wurde – tiefer als während der globalen Finanzkrise 2008. Zuletzt hat eine neue Welle von Bedenken bezüglich KI-bezogener Handelsaktivitäten Verkaufsdruck ausgelöst und die Bewertung weiter belastet.

Für Investoren steht eine zentrale Frage im Raum: Ist die historisch günstige Bewertung eine Einstiegschance, oder preist der Markt bereits vorzeitig das Ende des Speicherboom-Zyklus ein? Francis Tan, Chefstratege Asien bei Indosuez Wealth in Singapur, erklärt: „Ob sich ein Kauf lohnt, hängt stark von der persönlichen Portfolioausrichtung ab. Wenn die Exponierung gegenüber diesen Titeln bislang gering ist, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, um Wachstumsanteile im KI-Segment aufzubauen. Die Gewinne sind solide, die Aussichten weiterhin stark.“
Gewinnwachstum statt Bewertungsaufschlag
Anders als in den meisten Bullenmärkten beruht der jüngste Anstieg des südkoreanischen Aktienmarkts nicht darauf, dass Investoren bereit sind, höhere Preise zu zahlen, sondern auf massiv über den Erwartungen liegenden Unternehmensgewinnen. Die Konsensschätzungen für die Gewinne der Kospi-Komponenten wurden nun seit 17 Monaten in Folge angehoben – die längste Serie seit über neun Jahren. Auslöser sind weltweit steigende Speicherchippreise infolge des Wettlaufs der Tech-Konzerne um KI-Infrastruktur.
Der Kospi wird bei den erwarteten EPS dieses Jahr etwa 170% zulegen – die größte Steigerung seit Beginn der Daten im Jahr 2006. Jason Minsang Kam, Leiter des aktiven Aktienmanagements bei Kyobo Life Insurance in Seoul, sagt: Der Markt in Korea hat „noch nie eine so beispiellose, explosive Gewinnentwicklung erlebt.“
Samsung Electronics und SK Hynix zusammen machen mehr als die Hälfte des Kospi-Gewichts aus. Die extrem zyklischen Gewinne beider Unternehmen zählen zu den Hauptursachen für den sogenannten „Korea Discount“.
Der Korea Discount verdeckt weiter Zyklusrisiken
Obwohl der Kospi global ähnliche Indizes übertrifft, bleibt das Bewertungsdefizit gravierend. Das KGV des Kospi beträgt nur ein Drittel des aktuellen Niveaus beim TAIEX aus Taiwan. Diese Lücke reflektiert die langjährige Zurückhaltung gegenüber südkoreanischen Aktien – Unternehmensführung und zyklische Schwankungen bei Speicherchipgewinnen prägen die strukturellen Ursachen des „Korea Discounts“.
Charu Chanana, Chef-Investmentstrategin bei Saxo Markets, argumentiert: „Günstig“ allein ist kein Kaufgrund. „Korea muss beweisen, dass der Superzyklus bei Speicherchips nachhaltig ist. Ich befürchte, dass viele Cloud-Anbieter zwar weiterhin große Ausgaben tätigen, aber zunehmend über Kostenoptimierung sprechen werden. Das ist schlecht für Speicherchips – hohe Preise dämpfen die Nachfrage.“
Außerdem erweitern Samsung und SK Hynix ihre Kapazitäten, um Engpässe zu vermeiden. Bei sinkender Nachfrage besteht dann das Risiko sinkender Margen – ein typisches Muster früherer Zyklen. Laut Bloomberg dürfte der Preis für DRAM-Chips aus Korea um die Mitte 2027 den Höchststand erreichen.
Andere Bewertungskennzahlen: Günstig-Argument limitiert
Einige Investoren meinen, dass das KGV die komplexe Gewinnstruktur im Speichersegment nicht adäquat abbildet und daher kein optimaler Indikator für südkoreanische Aktien sei. Aus anderen Blickwinkeln scheint das „Günstig“-Narrativ deutlich schwächer.
Erstmals hat das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) des Kospi dieses Jahr die Marke von 2 überschritten – ein Allzeithoch. Keith Bortoluzzi, Managing Director von Impactfull Partners in Singapur, meint, gemessen am PEG (Preis-Gewinn-Wachstums-Verhältnis), sind Samsung und SK Hynix „kein klarer Fall von Unterbewertung mehr“. Er ergänzt: „Die Kurse bleiben in den nächsten sechs Monaten wohl stabil, aber starke Kursgewinne sind unwahrscheinlich.“
Der Markt besitzt auch eine über die Gewinne hinausgehende Investmentthese: Der erwartete Börsengang von SK Hynix in den USA könnte dazu beitragen, die Bewertungsdifferenz zu Micron Technology zu verringern. Gleichzeitig bleiben Risiken: Die Bedrohung durch Changxin Memory Technologies aus China nimmt zu, und die hohe Volatilität bei Chipaktien macht entsprechende Investments zunehmend unkalkulierbar. Jason Minsang Kam warnt vor der „extremen Volatilität“ des Marktes und empfiehlt, südkoreanische Chipaktien vorerst zu meiden – wegen ihrer ausgeprägten Gewinn-Zyklen.
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